Jetzt, da ich tot bin, und keine Gefahr mehr für irgendwelche Kritik darstelle, vielleicht aus reinem Respekt und Pietät gegenüber meiner Person, oder doch vielleicht nur eher aus einer ethischen Norm heraus, also kein absolutes Verbot, aber nur deshalb kann ich heute gelassen zugeben, dass ich aus tiefster Überzeugung ein schneeweißes Huhn unter meinen Arm herumtrage. Und zwar als den einzig wahren Ersatz für die längst ausgestorbene autonome Kunst. Zu den genauen Umständen, die dazu führten und auch für mich äußerst überraschend waren, ich meine hier zum einem das eigene Totsein, als auch jenes urplötzlich auftauchende Huhn unter meinem Arm, werde ich an anderer Stelle noch einmal spezieller zu sprechen kommen müssen.

Fakt ist aber, es ist noch nicht lange her, da war dieses Huhn ein kleines Mädchen, was mir in einem meiner Träume erschien. Interessanterweise spürte ich sofort, dass es an mir war, Worte an diese überraschende Erscheinung zu richten. Auf die orakelhafte Eingangsfrage, was es sich von mir wünsche, antwortete mir dieses Mädchen, dessen Gesicht von wilden roten Locken umrankt war, von widerspenstigen Haarsträhnen, die ihr Köpfchen eher verunzierten als schmückten, sofort, aber nur sehr kurz und knapp mit: „Einen Hut, bitte.“ Sie wolle, so fuhr sie fort, das Gestrüpp, sie wählte selber exakt dieses Wort, in den Griff bekommen. Dann lachte sie laut und herzhaft über das ganze Gesicht. Es war, als ginge für mich die Sonne auf, so grell war ihr Lachen. Von so viel Selbstironie und Wärme war ich schier überwältigt. Das Mädchen und ich wurden auf der Stelle Freunde. Auch deshalb, so denke ich heute bei mir, weil ich ihr meinen eigenen Hut als Geschenk anbot. Jenen dunkelbraunen und schon, durch jahrelanges Auf-und Absetzen, etwas abgegriffenen Trecking-Hut, made by Mayser, den ich einst von meiner Mutter geerbt hatte.




